Integration heißt nicht, den Bezug zum Herkunftsland zu kappen

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Studie: Das grenzüberschreitende wirtschaftliche, kulturelle und politische Engagement von MigrantInnen ist wichtig, wird aber oft durch staatliche Politiken blockiert


WIEN, 26 November 2015-
Gibt es einen Widerspruch zwischen dem Engagement von MigrantInnen in ihrem Herkunftsland und erfolgreicher Integration in Österreich? Eine neue Studie des International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) beleuchtet diverse transnationale Tätigkeiten und zeigt, dass es keine Unvereinbarkeit mit Integration gibt.


In der eben erschienenen Studie untersucht ein Forschungsteam am ICMPD, wie MigrantInnen grenzüberschreitende Aktivitäten organisieren. Ein wichtiges Ergebnis: MigrantInnen engagieren sich oft in vielfältiger Weise in mehreren Gesellschaften gleichzeitig – dabei müssen sie allerdings viele Barrieren überwinden, so Alexandra König, eine der StudienautorInnen am ICMPD.


Kürzlich hat die wirtschaftliche Bedeutung von MigrantInnen für Herkunftsländer, etwa durch Rücküberweisungen oder internationales Unternehmertum, in der breiteren Öffentlichkeit verstärkt Anerkennung gefunden. Andere Formen von Engagement, etwa ehrenamtliche Tätigkeiten oder politischer Einsatz, wurden dagegen kaum berücksichtigt.


„Denken und Handeln jenseits des Nationalstaates ist eines der wesentlichen Charakteristika der Befragten“, sagt Alexandra König über die InterviewpartnerInnen aus den Herkunftsländern Bosnien-Herzegowina, Indien, Ukraine und Philippinen. „Sie engagieren sich auf vielfältige Weise im politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben, und zwar in mehreren Gesellschaften zugleich. Meist profitiert also sowohl Österreich als auch das Herkunftsland.“


Während MigrantInnen in Sachen Integration oft Loyalitätskonflikte unterstellt werden, werde das Potenzial grenzüberschreitender Aktivitäten politisch vernachlässigt, so König. Die InterviewpartnerInnen der Studie haben sich in Österreich etabliert und schöpfen gleichzeitig Verbindungen zum Herkunftsland als Ressource aus. Österreichische Politiken, etwa Visa- und Aufenthaltspolitik, schwieriger Zugang zu StaatsbürgerInnenschaft, langwierige Anerkennung von Qualifikationen, und mangelnde Internationalisierung sozialer Rechte erschweren die Entwicklung dieser Projekte.


Der Beitrag dieses Engagements sei aber nicht immer bloß in ökonomischen Maßstäben zu verstehen, unterstreichen die AutorInnen. Ein Beispiel dafür ist Miriam Bogdanovic (Name geändert), eine Migrantin bosnisch-herzegowinischer Herkunft: Während ihrer Studienzeit in Österreich führte sie ein regionales Versöhnungsprojekt mit Jugendlichen in Bosnien-Herzegowina durch. Ziel war es, junge Menschen zusammenzubringen, die aufgrund der ethnischen Spaltung im Alltag wenig miteinander zu tun haben. In Österreich engagiert sich Bogdanovic zudem für anti-rassistische Initiativen und sensibilisiert darüber hinaus MehrheitsösterreicherInnen mit ihrer eigenen Fluchtbiografie – alles auf ehrenamtlicher Basis.


Menschen wie Miriam Bogdanovic stehen in ihrem grenzüberschreitenden Engagement aber vor vielfältigen Herausforderungen. Es erfordert Ressourcen – Zeit, Geld und Wissen – und muss oft neben Job und Familienleben organisiert werden. Dazu kommen noch die erwähnten hinderlichen Rahmenbedingungen, die diesen Initiativen auf verschiedenste Weise zuwiderlaufen. „Die Interviews im Rahmen des Projekts haben verdeutlicht, dass die Politik nun aktiv diese Barrieren beseitigen sollte, um das große Potential transnationaler Verbindungen zu stärken“, so König abschließend.


HINTERGRUNDINFORMATIONEN


Die Studie

Das Forschungsprojekt ITHACA (Integration, Transnational Mobility and Human, Social and Economic Capital Transfers) war als vergleichende Studie angelegt. Engagement und die Mobilität von MigrantInnen wurden in ausgewählten Zielländern (Italien, Österreich, Spanien Vereinigtes Königreich) und Herkunftsländern (Bosnien und Herzegowina, Indien, Marokko, Philippinen und Ukraine) untersucht. Über zwei Jahre wurden insgesamt über 330 MigrantInnen befragt, die sich regelmäßig im Herkunftsland und im Zielland aufhalten. Für den österreichischen Teil des Projekts wurden ExpertInnen sowie über 80 MigrantInnen aus Bosnien und Herzegowina, Indien, den Philippinen und der Ukraine befragt.


Im Rahmen des Projekts entstand auch der Dokumentarfilm „Ten Hours from Home“, in dem MigrantInnen ihre Erfahrungen zu Mobilität und Engagement mitteilen.
Film und alle Projektberichte: http://globalgovernanceprogramme.eui.eu/ithaca/

Link zur Studie


KONTAKT


Katharina Schaur
Co-Autorin der Studie
ICMPD
Tel: +43 1 504 4677 2379
katharina.schaur@icmpd.org
http://www.icmpd.org/
http://research.icmpd.org/
https://twitter.com/icmpd



 
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